
Cybersecurity-Mindeststandard für Steuerkanzleien
Julia Müller
Lesezeit ca. 6 Minuten / veröffentlicht am
Steuerkanzleien verwalten hochsensible Daten: Einkommensverhältnisse, Vermögenswerte, Geschäftsgeheimnisse. Ein erfolgreicher Cyberangriff kann nicht nur den Kanzleibetrieb lahmlegen, sondern auch das Vertrauen der Mandanten zerstören. Trotzdem behandeln viele kleine Kanzleien IT-Sicherheit stiefmütterlich. Dabei sind die Grundlagen kein Hexenwerk.
Warum IT-Sicherheit für Kanzleien wichtig ist
Die Bedrohungslage hat sich verschärft. Ransomware-Angriffe, bei denen Daten verschlüsselt und erst gegen Lösegeld freigegeben werden, treffen längst nicht mehr nur Großunternehmen. Kleine und mittlere Betriebe sind beliebte Ziele, weil ihre Schutzmaßnahmen oft schwächer sind.
Für Steuerberater kommen berufsrechtliche Pflichten hinzu: Die Verschwiegenheitspflicht nach § 57 StBerG umfasst auch den Schutz anvertrauter Daten. Auch die GoBD-Anforderungen setzen eine sichere IT-Infrastruktur voraus. Wer fahrlässig mit IT-Sicherheit umgeht, riskiert neben dem Datenverlust auch berufsrechtliche Konsequenzen.
Technische Mindestanforderungen
Aktuelle Software und Betriebssysteme
Veraltete Software ist eines der größten Einfallstore für Angreifer. Sicherheitsupdates müssen zeitnah eingespielt werden – bei Betriebssystem, Anwendungsprogrammen und Firmware von Routern und anderen Netzwerkgeräten.
Maßnahmen:
- Automatische Updates aktivieren, wo möglich
- Regelmäßig prüfen, ob alle Systeme auf dem aktuellen Stand sind
- Keine Software mehr nutzen, die vom Hersteller nicht mehr unterstützt wird
Sichere Passwörter und Zugangskontrolle
Schwache Passwörter sind ein Klassiker. „Kanzlei123" oder der Name des Hundes bieten keinen Schutz.
Maßnahmen:
- Komplexe Passwörter verwenden (mindestens 12 Zeichen, Groß- und Kleinbuchstaben, Zahlen, Sonderzeichen)
- Für jeden Dienst ein eigenes Passwort
- Passwort-Manager nutzen
- Zwei-Faktor-Authentifizierung aktivieren, wo verfügbar
- Zugriffsrechte nach dem Prinzip der minimalen Berechtigung vergeben
Datensicherung
Ohne Backup kann ein Ransomware-Angriff existenzbedrohend sein. Die Wiederherstellung aus einem aktuellen Backup ist oft die einzige Möglichkeit, den Betrieb fortzusetzen.
Maßnahmen:
- Regelmäßige Backups (mindestens täglich für wichtige Daten)
- Backups an einem separaten Ort aufbewahren (nicht im selben Netzwerk)
- Wiederherstellung regelmäßig testen
- 3-2-1-Regel: drei Kopien, auf zwei verschiedenen Medien, eine davon extern
Virenschutz und Firewall
Grundlegender Schutz vor Schadsoftware und unberechtigten Zugriffen.
Maßnahmen:
- Aktuelle Antivirensoftware auf allen Arbeitsplätzen
- Firewall am Netzwerkübergang zum Internet
- Regelmäßige Scans des Systems
Verschlüsselung
Sensible Daten sollten verschlüsselt gespeichert und übertragen werden.
Maßnahmen:
- Festplattenverschlüsselung auf Laptops und mobilen Geräten
- Verschlüsselte Verbindungen (HTTPS, VPN) für den Zugriff auf Kanzleisysteme
- E-Mail-Verschlüsselung für sensible Inhalte oder Nutzung sicherer Alternativen
Organisatorische Maßnahmen
Mitarbeiter sensibilisieren
Die meisten erfolgreichen Angriffe beginnen mit einem Klick auf einen falschen Link oder das Öffnen eines verseuchten Anhangs. Technische Schutzmaßnahmen helfen wenig, wenn Mitarbeiter nicht wachsam sind.
Maßnahmen:
- Regelmäßige Schulungen zu Phishing und Social Engineering
- Klare Regeln für den Umgang mit E-Mails von unbekannten Absendern
- Meldewege für verdächtige Vorfälle definieren
Notfallplan erstellen
Was passiert, wenn doch etwas schiefgeht? Ein Notfallplan spart im Ernstfall wertvolle Zeit.
Inhalte:
- Wer ist zu informieren (IT-Dienstleister, Datenschutzbeauftragter, ggf. Behörden)?
- Wie werden betroffene Systeme isoliert?
- Wie erfolgt die Kommunikation mit Mandanten?
- Wo sind die Backup-Medien, wie wird wiederhergestellt?
Dokumentation
Die getroffenen Maßnahmen sollten dokumentiert werden – nicht nur für den Prüfungsfall, sondern auch für die interne Klarheit.
Cloud-Dienste: Chance und Risiko
Viele Kanzleien nutzen Cloud-Dienste für Datenaustausch, Buchhaltung oder Dokumentenmanagement. Das kann die Sicherheit verbessern, wenn der Anbieter professionelle Infrastruktur und Sicherheitsmaßnahmen bietet. Es kann aber auch neue Risiken schaffen.
Worauf achten:
- Serverstandort in Deutschland oder der EU
- Verschlüsselung der Daten bei Übertragung und Speicherung
- Zwei-Faktor-Authentifizierung
- Vertrag zur Auftragsverarbeitung (AVV)
- Exit-Strategie: Können Daten exportiert werden?
Plattformen für die Mandantenkommunikation wie Taxaro bieten den Vorteil, dass Sicherheit bereits eingebaut ist: verschlüsselte Übertragung, sichere Speicherung, Zugriffskontrolle. Das reduziert das Risiko im Vergleich zum Austausch per unverschlüsselter E-Mail erheblich.
BSI-Grundschutz als Orientierung
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) bietet mit dem IT-Grundschutz einen Rahmen für IT-Sicherheit. Für kleine Kanzleien ist die vollständige Umsetzung meist überdimensioniert, aber die Checklisten und Empfehlungen bieten eine gute Orientierung.
Das BSI stellt auch Materialien speziell für kleine und mittlere Unternehmen bereit, die pragmatische Einstiegshilfen bieten.
Fazit: Grundschutz ist machbar
IT-Sicherheit muss nicht teuer oder kompliziert sein. Die wichtigsten Maßnahmen – aktuelle Software, sichere Passwörter, regelmäßige Backups, geschulte Mitarbeiter – sind mit überschaubarem Aufwand umsetzbar. Wer die Grundlagen beherrscht, ist gegen die häufigsten Angriffe gut geschützt. Und wer sensible Mandantendaten verwaltet, hat nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein berufsrechtliches Interesse daran.
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